Navigation

Das Corona-Virus und die Politische Ökologie von Gesundheit

Warum eine Geographie der Pandemie wichtig ist

Autoren:
Prof. Dr. Fred Krüger und Dr. habil. Klaus Geiselhart
Institut für Geographie, FAU Erlangen-Nürnberg

Die „Corona-Pandemie“ aus Sicht der Geographie: Musterbeispiel eines Krisenverlaufs

In der Ursachenforschung zur COVID-19-Pandemie („Corona-Pandemie“) und der wissenschaft­lichen Begründung von Bewältigungsstrategien kommen derzeit vor allem Vertreter/innen der medizinischen Epidemiologie bzw. Virologie zu Wort. Die auch im Lebensalltag zunehmend spürbar werdenden gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen der Pandemie bedürfen aber einer fachwissenschaftlichen Analyse, die nicht nur biomedizinische Fakten und Zahlen einbezieht. Aus Perspektive der Geographie kann es in einem ersten Schritt  darum gehen, Infektionen zu kartieren und damit wertvolle Rückschlüsse auf den Ausbreitungsprozess des Virus zu ziehen. Hierfür ist ein Rückgriff auf große Datenmengen („Big Data“) nötig, um das Geschehen möglichst differenziert darstellen zu können. Dies allein ist jedoch nicht ausreichend, denn die Wirksamkeit möglicher Interventionsmaßnahmen hängt nicht nur von räumlichen Ausbreitungs­mechanismen ab. Pandemien wirken häufig als Katalysatoren und Beschleuniger für Maßnahmen, deren Umsetzung in „Normalzeiten“ oft Jahre dauert. Sie können im positiven Sinne progressive und emanzipa­torische oder im negativen Sinne autoritäre Prozesse befördern sowie bestehende Hierarchie- und Machtverhältnisse destabilisieren oder festigen. Eine Krise kann zudem gesell­schaftliche Unsicher­heiten und Widersprüche offenbaren, die ansonsten verborgen bleiben. Die Kulturgeographie mit ihren Ansätzen zur Gesundheits-, Risiko- und Katastrophenforschung reicht daher über die infektio­logische Kartierungsaufgabe und die Analyse von „Big Data“ hinaus. Die Erfassung und das Verstehen der sozialen Prozesse, unter denen sich eine Pandemie vollzieht, wird zu einer komplexen Angelegenheit, wenn man auch danach fragt, wer in einer Gesellschaft bezüglich Gesundheit und Krankheit, Gefahr, Risiko und Bewältigung welche Auffassungen vertritt und welche Interessen sich dahinter verbergen. Die fast schon im wahrsten Sinne virulente Debatte um „richtiges“ Handeln im Zeichen von Corona zeigt, wie konfliktbehaftet eine Pandemie und die Frage des angemessenen Umgangs mit ihr sein können.

Wenn man divergierende Interessenslagen und Strategien untersucht, dann stößt man unweiger­lich auf Fragen von Deutungshoheiten, Durchsetzungskraft und Macht, bewegt sich also in diesem Sinne unmittelbar im Feld des Politischen. Dabei sind das Virus selbst und die Krankheiten, die es auslöst, aus rein biomedizinischer Perspektive ganz natürliche Vorgänge – die kulturgeo­graphische Analyse dieser Vorgänge wird damit zu einer Politischen Ökologie, die nach den spezifischen Beziehungen des Menschen zu seiner natürlichen Umwelt fragt. Besonders spannend wird es, wenn es in einer solchen Analyse um Gesundheit geht: die Trennung zwischen Mensch und Umwelt verläuft hier nämlich quasi durch den Menschen hindurch. Der gesund bleibende oder krank werdende Körper wird dem denkenden Menschen zur Umwelt – und diese zu erhalten (also „gesund zu bleiben“) wird zur Frage nach den Lebensbedingungen und zur essentiellen Auseinan­dersetzung um Leben und Tod. Genau in dieses Feld stoßen Geographische Risiko- und Katastro­phen­forschung und eine Politische Ökologie von Gesundheit.

Zu komplex? Vielleicht. Aber Krisen- und Katastrophenverläufe beruhen selten auf simplen Ursache-Wirkungs-Ketten. Die Geographische Entwicklungs- und Katastrophenforschung, wie sie an der FAU betrieben wird, versucht sich dem komplexen Geschehen über einige „bewährte“ Eingangspforten zu nähern: Sie fokussiert auf (kulturell sensible) humanitäre Hilfe und Entwick­lungszusammenarbeit, versucht den Ursachen riskanter Lebensbedingungen und sozialer Verwundbarkeit auf die Spur zu kommen und bedient sich im Kontext von Gesundheitskrisen der Politischen Ökologie als Analyseansatz. Und sie versucht, die Logiken und Strategien zu erfassen, denen Entscheidungsträger folgen, wenn sie in den Pandemieverlauf eingreifen.

Die Interventionsmaßnahmen im Falle von Corona unterscheiden sich zunächst nicht von Kon­zepten, wie sie weltweit zum Einsatz kommen, wenn eine Epidemie oder gar Pandemie droht. Es sind wiederkehrende Schemata der Prävention und Intervention, die wir auch im deutschen Pandemieplan finden: In einer ersten Phase einer (potentiellen) Epidemie gilt es, die Ausbreitung der Krankheit früh zu erkennen und einzudämmen („detection“ und „containment“). In Deutschland haben wir aktuell diese Phase längst durchschritten. Es geht nun darum, besonders anfällige Gruppen zu schützen („protection“) und die Negativfolgen der Krankheit zu minimieren („miti­gation“). Als wichtige Kennziffer hierfür ist die „Reproduktionszahl“ bereits in den Alltagswort­schatz gedrungen: ist sie kleiner als eins, dann steckt jeder Infizierte im Durchschnitt weniger als eine andere Person an und die Krankheit bzw. die Epidemie ebben ab. Auch die „Herdenimmuni­tät“ ist inzwischen ein bekannter Begriff: Wenn ein großer Teil der Bevölkerung eine Infektion durchlaufen hat und immun geworden ist, wird sich die Krankheit nicht mehr folgenschwer ausbrei­ten können. Dies ist vor allem deshalb wichtig, damit es nicht zu einer Überlastung des Gesund­heitssystems kommt. Die derzeitigen Beschränkungen des öffentlichen Lebens dienen, wie wir wissen, genau diesem Zweck und scheinen auch recht erfolgreich zu sein. Da es gelungen ist, die Reproduk­tionszahl massiv zu drücken, erscheint sogar eine Rückkehr zur Phase des Containments möglich.

Strategien und Perspektiven der Krisenbewältigung

Aber genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister: Welcher Strategie soll man folgen? Die politische und gesellschaftliche Debatte adressiert im Wesentlichen zwei Lösungswege:

  1. Setzt man auf eine Rückkehr zum Containment, dann muss es gelingen, jede einzelne neu infizierte Person zu isolieren und alle sozialen Kontakte, bei denen eine Ansteckung Anderer stattgefunden haben könnte, lückenlos nachzuvollziehen. Selbst bei gelingendem „Aushungern“ der Krankheit bestünde aber weiterhin die Gefahr, dass sich das Virus aufgrund der Fahrlässigkeit einzelner Personen oder durch Einschleppung von außen erneut ausbreiten könnte. Lockerungen im öffentlichen Leben wären daher enge Grenzen gesetzt.
  2. Favorisiert man die Fortführung der Mitigation, dann kann man durchaus einen geringen Anstieg der Reproduktionszahl zulassen, solange das Gesundheitssystem das eben noch verkraftet. Des­halb erlaubt auch dieses Konzept keine sehr weitgehenden Lockerungen der Schutzmaß­nahmen. Das Ziel wäre hier u.a. die Herdenimmunität, die allerdings erst nach Hunderten von Tagen erreicht werden könnte – ein Zeitraum also, der vermutlich weder sozial noch ökonomisch zu verkraften wäre.

Der Unterschied zwischen Strategie 1 (radikales Containment) und 2 (sukzessive „Durch­seuchung“ bei Minimierung der Negativfolgen) liegt darin, dass im ersten Fall jeder Krankheitsfall vermieden werden muss, während im zweiten Fall eine gewisse Ansteckungsrate sogar erwünscht ist. Berück­sichtigt man, dass die Reproduktionszahl in beiden Fällen niedrig gehalten werden müsste, dann scheint der Unterschied zwischen diesen Möglichkeiten nur sehr gering zu sein. Bezüglich seiner Implikationen aber ist er groß: Zwar erscheint Strategie 1 auf den ersten Blick als die humanere Methode (setzt sie doch möglichst wenige Menschen der Gefahr einer Ansteckung aus). Aber sie macht eine lückenlose Überwachung der Bevölkerung notwendig, wie sie ja auch über eine ent­sprechende App angedacht ist. Nicht nur Infizierte, sondern alle, die sich dieser Person innerhalb eines bestimmten zurückliegenden Zeitraums auf eine bestimmte Reichweite genähert hatten (die damit quasi unter den Generalverdacht gestellt würden, infiziert und infektiös zu sein), müssten Zwangsmaßnahmen unterzogen werden. Dieses Procedere hätte so lange zu geschehen, bis ein Impfstoff gefunden wäre, denn schließlich bliebe immer die Gefahr des erneuten Aufkeimens der Infektionen. Bei Strategie 2 könnte man zumindest auf diese Maß­nahmen verzichten. Andererseits würde man bewusst die Erkrankung vieler Personen in Kauf nehmen, dabei aber versuchen, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Dies birgt ethische und moralische Implikationen, würde man doch mehr Menschen dem Leiden der Krankheit aus­setzen und, selbst bei guter medizinischer Infrastruktur, einige Infizierte in Todesgefahr bringen. Der Unterschied zwischen beiden Strategien bedeutet also die Wahl zwischen der Einführung digitaler Überwachungssysteme (mit der Gefahr ihrer Verstetigung) und der bewussten Inkauf­nahme höherer Infektions- und Krankheitsfälle.

Mit der Wahl zwischen Strategie 1 und 2 sind sehr fundamentale Fragen einer angemessenen Krisenbewältigung verbunden. Begreift man Krankheit als etwas zum Leben Gehörendes oder begegnet man ihr als Feind? Viele aktuelle Politiken (z.B. Frankreich oder USA) instrumentali­sieren derartige Kriegsmetaphern und artikulieren ihre Katastrophenintervention in strategisch-militä­rischem Duktus. Wo aber liegt die Grenze zwischen einem „guten“ Leben einerseits, wie es im Übrigen auch die WHO in ihrer Definition von Gesundheit beschreibt, und dem Schutz des nackten Über-Lebens andererseits, wie es aus biomedizinischer Sicht wohl favorisiert wird?

Wir befinden uns also in einem Dilemma, das wiederum durchaus charakteristisch für viele Krisen­verläufe ist und weit jenseits biomedizinischer Rationalität liegt: Wird nicht schnell ein Impfstoff gefunden (unrealistisch), sind bei beiden Strategien sehr lange Laufzeiten der gegen­wärtigen Schutzmaßnahmen erforderlich. Diese sind aber weder wirtschaftlich noch gesellschaft­lich durch­setzungsfähig und vertretbar. Die Debatte um Lockerungen ist also unvermeidlich, trotz Wissens um deren gesundheitliche Gefahren. Diese Debatte wird meist als eine Abwägung zwischen ökono­mischen Interessen und dem Schutz von Menschenleben dargestellt. Oft wird sie sogar zur moralischen Frage zwischen Eigennutz und Rücksicht, Egoismus und Verantwortung hochstilisiert. Um aber nicht in gegenseitige Beschuldigungsrhetoriken zu verfallen, ist es not­wendig, sich über die Bedingungen klar zu werden, unter denen es zu diesen unterschiedlichen Auffassungen kommt. Aus kulturgeographischer Perspektive lassen sich mindestens die folgenden drei Dimensionen identifizieren, in die Krisenhandeln und Entscheidungsfindung eingebettet sind: Erstens die Rollen politischer und wissenschaftlicher Akteure im Rahmen sogenannter kaska­die­render Kriseneffekte, zweitens Konzepte von Versicherheitlichung und Verantwortung auf natio­naler und globaler Ebene, und drittens die Frage nach einer adäquaten Katastrophen­prävention.

Politik, Wissenschaft und die Kaskadeneffekte der Pandemie

In „westlichen“ Demokratien zählt der Schutz des individuellen menschlichen Lebens als oberstes Gut und wird entsprechend zur Direktive der Politik. Dem zugrunde liegt die Überzeugung, dass es in jedermanns Interesse ist, möglichst lange zu leben. Geschichtlich betrachtet sind immer schon Seuchen über das Land gezogen. Staatliches Handeln orientierte sich aber nicht immer an der Rettung möglichst vieler Menschenleben, sondern oft eher am Erhalt der Funktionsfähigkeit im Inneren und der Wehrhaftigkeit nach außen. Die Befürchtung, dass unter dem Deckmantel des Schutzes nun restriktive Überwachungsmaßnahmen eingeführt und der Ausnahmezustand dabei zum Schreckensszenario der totalen Kontrolle werden könnten, liegt deshalb nahe. Während einige autoritäre oder stärker im Kollektivhandeln verankerte Regierungen Ostasiens (v.a. China, Süd-Korea) Stärke beweisen in der Radikalität, mit der sie Infektionsschutzmaßnahmen durch­setzten, wuchs in Deutschland eine Debatte, ob die liberale und zudem föderale Demokratie überhaupt flexibel und entscheidungskräftig genug sein könne, effektive Schutzkonzepte umzu­setzen. Zur äußeren Bedrohung kam auch noch eine innere Auseinandersetzung mit autoritären Kräften innerhalb der etablierten Parteien, die vor allem zu Beginn der Krise durch Forderungen nach repressiven Maßnahmen (z. B. Grenzschließungen) steigende Umfragewerte erzielten. Nun zeigt sich aber, dass auch in einer demokratisch moderaten Haltung, die vor allem Wert auf die Angemessenheit und Nachvollziehbarkeit der Maßnahmen legt, durchaus effektives Regierungs­handeln möglich ist.

Hierbei verlassen sich politische Entscheidungsträger zur Zeit in ungewohnt offener Weise auf Einschätzungen und Empfehlungen aus der Wissenschaft, allen voran der Epidemiologie. Dabei ist die Begrenztheit allen menschlichen Wissens gerade in dieser Krise besonders bemerkbar. Klagen darüber, dass selbst die Experten sich nicht einig sind, mehren sich. Oft wird aber übersehen, dass der Wert von Wissenschaft darin liegt, um Wahrheit zu ringen, und nicht darin, Wahrheit parat zu haben. Wissenschaft erreicht differenzierte Urteile nur in einer beständigen Zwiesprache unter den Wissenschaftlern/innen und im naturgemäß zeitaufwändigen „Abgleich“ mit der sogenannten Praxis. Dabei zeigt sich eines deutlich: jeder Kontrollversuch, jede Interventionsmaßnahme, die der Ein­dämmung der Pandemie dienen soll, beeinflusst Dinge und Prozesse weit jenseits des eigentlichen Pandemiegeschehens und setzt dort weitere Folgeeffekte in Gang. Die Katastrophen­forschung bezeichnet das als „kaskadierende Effekte“. Pandemien lassen sich nicht deswegen schwer kontrol­lieren, weil sie unaufhaltsam „über das Land ziehen“, sondern weil sie nur mittels schwerer, kaum zu rechtfertigender Einschnitte aufgehalten werden können. Die Kaskadeneffekte greifen tief in unseren Lebensalltag ein und werden noch zu spüren sein, wenn die Pandemie selbst längst überwunden ist.

Globalisierung, Versicherheitlichung und Verantwortung im Kontext der Krisenmaßnahmen

Die Debatte um staatliche Krisenpolitik ist auch bei Corona eng verbunden mit Fragen einer globalen Gesundheitspolitik („Global Health)“ und berührt damit Globalisierungsprozesse und Tendenzen einer sogenannten „Versicherheitlichung“. Wie können beispielsweise internationale Handels- und Migrationswege effektiv kontrolliert werden, sodass sie nicht automatisch auch Infektionswege darstellen? Welche Rolle spielt dabei die jeweilige nationale Kontrolle eines Krank­heitserregers? Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, wie sehr trotz alledem der Blick politischer Akteure und der „Öffentlichkeit“ auf den unmittelbar eigenen Lebenskontext verengt wird. Dass ein westeuropäischer Lebensstandard kein Universalphänomen ist, wird oft übersehen. Dies zeigt sich aktuell z.B. deutlich in den südafrikanischen Townships. Dort gelten wesentlich strengere Ausgangsbeschränkungen als bei uns, die sich aber nicht durchsetzen lassen, wenn sich im Schnitt acht Personen eine Wohnfläche von weniger als 20 qm teilen müssen. Ein Mindestmaß an Privat­sphäre und Körperhygiene ist nur möglich, wenn andere Personen das Haus verlassen können. Hinzu kommt, dass unter marginalen Bedingungen keine Vorratshaltung möglich ist. Überleben kann nur, wer zur Versorgung seines Haushalts täglich das Haus verlässt. Hinzu kommen potentielle Wechselwirkungen mit anderen Krankheiten. Das südliche Afrika ist seit drei Jahrzehn­ten massiv von der HIV/AIDS-Pandemie betroffen. Jährlich sterben weltweit fast 800.000 Menschen an AIDS-verursachten Krankheiten, allein im östlichen und südlichen Afrika waren es 2018 über 300.000. Jede Woche infizieren sich rund 6.000 junge Frauen zwischen 15 und 24 Jahren mit HIV – unter den Jugendlichen in Afrika südlich der Sahara sind es in vier von fünf Fällen Mädchen, die sich neu infizieren. Allein diese Beispiele verdeut­lichen, wie eng Pandemien mit sozialer Ungleich­heit und Benachteiligung verwoben sind. Die HIV-Seroprävalenz, also der Anteil der Infizierten an der Gesamtbevölkerung zwischen 15 und 49 Jahren, liegt im südlichen Afrika bei über 20 %. Es ist zu befürchten, dass diese Gesellschaften, in denen Millionen von Menschen mit Immunschwäche leben, besonders stark von COVID-19 betroffen sein werden – so spekulieren zumindest UN-Organisationen. Auch hier sind Fragen offen, welche die oben angesprochenen Kaskadeneffekte und Aspekte der Versicherheitlichung betreffen: Wenn etwa im südlichen Afrika antiretrovirale Medikamente gegen AIDS nicht allen Betroffenen zur Verfügung stehen, blüht dann ein Schwarz­markt auf, der resistente Erreger­stämme entstehen lässt, die dann wiederum weltweit die derzeit erfolgreiche Therapie gefährden und dann wiederum auch COVID-19 Tür und Tor öffnen?

Aber es stellen sich auch Fragen der Legitimität. Mit welcher Berechtigung darf wer wo helfen? Dürfen humanitäre Organisationen oder die WHO überhaupt in lokale Lebenswelten eingreifen? Wie kann eine kulturell sensible Nothilfe realisiert werden? Diese Fragen haben viel mit inter­nationaler Solidarität und Verantwortung zu tun, die uns auch durch die COVID-19-Krise aktuell vor Augen treten. Was also bedeutet Verantwortung?

Seit etwa den 1980er Jahren ist in westlichen Demokratien zu beobachten, wie der „Staat“ in vielen Lebensbereichen Verantwortung an die Bürgerschaft überträgt. Im Zuge dieser „Responsibili­sierung“ wird nicht nur in der Ratgeberliteratur oder der politischen Sprache an die Eigenverant­wortung des Einzelnen appelliert. Das Verhältnis zwischen Eigenverantwortung und staatlicher Fürsorge verändert sich. In dieser Krise kann der staatliche Appell an Eigenverantwortung – wie das in akademischen Kreisen häufig geschieht – aber nicht mehr nur als Bevormundung ange­sehen werden. Vielmehr erscheint er nun – zumindest hier in Deutschland – als ernst­zunehmende Alter­native zur staatlichen Autorität. Maßnahmen, die nicht im Sinne eines Infektions­schutzes zu recht­fertigen sind, wie etwa das Verbot, alleine auf einer Parkbank sitzend ein Buch zu lesen, müssen zurückgenommen werden. Dies sind in Pandemiezeiten, in denen Freiheits­rechte empfindlich eingeschränkt werden und autoritäre Stimmen an Popularität gewinnen, dezente Hinweise darauf, dass es gerade die bedachten und angemessenen Reaktionen sind, die außer­gewöhnliche kollektive Leistungen hervorbringen und uns im Infektionsschutz bereits schier Unmögliches erreichen ließen. Auch scheint die Forderung der Regierenden nach Verantwortung nun auf Politikerinnen und Politikern zurückzufallen. Ihnen wird eine Bestimmung ihrer Verantwor­tung abgenötigt und sie müssen Position beziehen.

Waren wir ausreichend vorbereitet?

Schließlich stellt sich noch die Frage, ob wir auf die Krise angemessen vorbereitet waren. Nun ist die Kritik an neoliberaler Gesundheitspolitik einerseits und rigoroser Versicherheitlichung anderer­seits nicht neu. Katastrophenexpertinnen und -experten verwiesen seit Jahren auf die Risiken neuartiger, global wirksamer Infektionsquellen. Bisherige Pandemieverläufe offenbaren regelmäßig Nachlässigkeiten und kulturelle Insensitivitäten bei der Katastrophenprävention und -intervention. Marktwirtschaftliche Logiken der Effizienzsteigerung widersprechen aber beispielsweise der kostenintensiven Bereitstellung oder Instandhaltung teurer, ungenutzter Geräte und Schutzklei­dung. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes kann diese Schutzfunktion nicht übernehmen, denn in der Krise entsteht unvermittelt eine extrem hohe Nachfrage. Dabei ist die Annahme durchaus richtig, dass eine freie Marktwirtschaft auch schnell und flexibel auf diese Nachfrage reagieren kann. Katastrophenprävention und -intervention (einschließlich der humanitären Nothilfe durch Nicht­regierungsorganisationen) sind selbst längst zu einem bedeutenden Markt geworden. Zu beobachten ist aber auch, dass der Markt zu allererst mit enorm steigenden Preisen für die raren Produkte reagiert und damit die öffentlichen Ausgaben ebenfalls rasch wachsen. Selbstverständ­lich können Wirtschaftsakteure auch nur dann reagieren, wenn die wirtschaftlichen Tätigkeiten nicht durch Infektionsschutzmaßnahmen eingeschränkt werden. Zu fragen ist aber angesichts der oben angesprochenen Verantwortung dennoch, warum sich das Vorhalten angemessener Präventations­instrumente offenbar nicht durchsetzen lässt. Dies wird spätestens nach der Krise aufzuarbeiten sein.

Vorläufiges Fazit

Wird die Pandemie rein aus infektiologischer Sicht betrachtet, dann wird deutlich, wie kompetent wir heute fähig sind, Krankheitsverläufe zu erkennen, zu beurteilen und sogar einzudämmen. Aber wie die dargelegte gesellschaftliche Komplexität des Pandemiegeschehens zeigt, bedeutet Epidemio­logie viel mehr als die Bearbeitung von Inzidenzen, Ansteckungswegen und „Big Data“. Eine solide fachwissenschaftliche Analyse kapituliert nicht vor der Komplexität der Krise, sondern arbeitet mit ihr und versucht sie zu verstehen. Hier setzt – gemeinsam mit anderen Sozialwissenschaften – die Geographische Risiko- und Katastrophenforschung an. Wir können am meisten aus der Krise lernen, wenn wir sie als ein gesellschaftliches Phänomen begreifen, das durch Abweichung vom alltäglichen Normalzustand, durch Aushandlungen und Praktiken im Widerstreit gekennzeichnet ist. Das deutsche Beispiel zeigt (für Krisenverläufe nahezu prototypisch) die Dilemmata von Kompromiss- und Entscheidungsfindung auf, verdeutlicht unseres Erachtens aber auch die Überlegenheit freiheitlich-föderaler Entscheidungsprozesse gegenüber autoritären Maßnahmen. Dies bedeutet unter anderem, dass der Ausnahmezustand, in dem sich Gesellschaften weltweit momentan befinden, offensichtlich lokal mehr oder weniger „total“ sein kann. Auch bietet die Krise Anlass, unser biomedizinisch dominiertes Verständnis von Krankheit und Pandemie zu überdenken. Die Geographie kann mit ihrem Ansatz einer Politischen Ökologie von Gesundheit dazu beitragen, zu reflektieren, auf Basis welcher Überzeugungen bestimmte Entscheidungen getroffen werden und welche Kompetenzen uns noch fehlen, um zukünftig besser vorbereitet zu sein.

Kontakt:
Prof. Dr. Fred Krüger
fred.krueger@fau.de

Dr. habil. Klaus Geiselhart
klaus.geiselhart@fau.de

Institut für Geographie
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Wetterkreuz 15
91058 Erlangen