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AG Kulturelle, Politische und Digitale Geographien (Glasze)

Im Mittelpunkt der Arbeiten am Erlanger Lehrstuhl für Kulturgeographie stehen neuere Ansätze der Kultur- und Sozialgeographie.

Ansätze, die auf die „Gemachtheit“ von Geographien abheben und untersuchen, wie gerade bestimmte Räume (re-)produziert werden – d. h. abgegrenzt, bewertet, institutionalisiert, sozio-technisch und -materiell konstituiert usw. Von besonderem Interesse ist, wie damit bestimmte soziale Ordnungen (re-)produziert werden und die Herstellung von Räumen damit ein Element von Machtverhältnissen ist.

Anwendung findet diese Perspektive in verschiedenen Bereichen der Politischen Geographie, der Sozialgeographie, der geographischen Stadtforschung sowie der sozial- und kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den grundlegenden Transformationen von Geoinformation und kartographischer (Re-)Präsentation im digitalen Zeitalter. Konzeptionell sind wir in erster Linie in der Diskurs- und Hegemonietheorie verortet. Aktuelle Arbeiten leuchten dabei die Potenziale der Diskurs- und Hegemonietheorie zur Konzeptualisierung von Praktiken und sozio-technischen Assemblagen aus.

Finn Dammann

  • GeodatenZentrum

Ehemalige Mitarbeiter

  • Adam Brailich, M.A. (Doktorand)
  • Dr. Mélina Germes (jetzt: CNRS Bordeaux; Habilitandin am Institut für Geographie der FAU)
  • Dr. des. Günther Kramann
  • Dr. Henning Schirmel (jetzt: DB AG, Berlin)
  • Dr. Florian Weber (jetzt: Institut für Geographie der Universität Tübingen)

Unsere Forschungsschwerpunkte sind derzeit: „Räume-Identitäten-Politiken“ sowie „Kartographie, Geoweb und Gesellschaft“ (Näheres auch auf Geoweb-Studien.org).

Hier untersuchen wir, wie die Herstellung bestimmter Räume verschränkt ist mit bestimmten Politiken und der (Re-)Produktion gesellschaftlicher Differenzierungen und Identitäten.
  • Die Konfigurierung von “Islam” und “Muslimen“ in deutschen Großstädten (mit Jan Winkler und in Kooperation mit Andreas Pott vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) DFG Sachmittelförderung 2016-2018)
  • Gegenhegemoniale Diskurse zu stigmatisierten Stadtvierteln in Frankreich und Deutschland (DFG-Sachmittelförderung, mit Andreas Tijé-Dra und Robert Pütz, 2012-2016)
  • Neue Ländlichkeit? Eine “more than representational” Geographie des Booms von Landzeitschriften (z.T. gefördert als Promotionsstipendium des bayerischen Elitenetzwerks, Christoph Baumann)
  • The Struggle over Identity, Morality, and Public Space in Middle Eastern Cities (interdisziplinäres Projekt mit Förderung durch die Volkswagenstiftung, Leitung: Jörn Thielmann; in Kooperation mit Kollegen in Jordanien, dem Libanon und Tunesien)
  • Die Übersetzung von stadt- und regionalentwicklungspolitischen Ideen als Transformation von Dispositiven: „kreative Städte“ in der Europäischen Metropolregion Nürnberg (Dissertationsprojekt Moritz Ortegel, Förderung durch die Staedtler-Stiftung (2016); 2012-2016)
  • Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) in Deutschland (Dissertationsprojekt Nora Hahn-Hobeck, MA z.T. in Kooperation mit dem Deutschen Jugendinstitut München und Petra Bendel, FAU)
  • Publikationsprojekt Neuauflage Handbuch: “Diskurs und Raum. Theorien und Methoden für die Humangeographie sowie die sozial- und kulturwissenschaftliche Raumforschung” (Vorbereitung der Herausgabe der 3. überarbeiteten und ergänzten Auflage, mit Annika Mattissek, für 2017)

Geoinformation und kartographische (Re-)Präsentationen kategorisieren, definieren, arrangieren, verorten, bezeichnen und (re-)produzieren damit bestimmte Vorstellungen von der Welt. Sie beeinflussen, was wir über die Welt wissen und wie wir in der Welt agieren. Mit dem Boom von „volunteered geographic information“ (bspw. Open-StreetMap) und „corporate geographic information“ (bspw. GoogleEarth) im Geoweb erlebt das Feld geographischer Information und kartographischer (Re-)Präsentation im digitalen Zeitalter eine fundamentale Transformation. Wir untersuchen die sozialen und politischen Dimensionen dieser Transformation.

Mehr Infos gibt es auf Geoweb-Studien.org

  • Exklusionen in der Volunteered Geographic Information: das Beispiel OpenStreetMap und WikiMapia in Israel/Palästina (Dissertationsprojekt Dipl.-Geogr. Christian Bittner; Anschubförderungen durch die Bayerische Forschungsallianz und die Schmauser-Stiftung; DFG Sachmittelförderung 2015-2018)
  • Von der Landschaft zu ‚reinem‘ Raum, Modell und System. Ein Beitrag zu einer Wissenschaftsgeschichte der Quantitativen Revolution in der deutschsprachigen Geographie (Dr. Boris Michel mit Mitarbeiterin Katharina Paulus; Sachmittelförderung durch die Thyssen-Stiftung)
  • Die Versprechen von „smart city„-Initiativen (Dissertationsprojekt Christian Eichenmüller, Förderung durch ein Promotionsstipendium der Böll-Stiftung)
  • Web 2.0 Krisenkartographie (Dissertationsprojekt Cate Turk, MA)
  • “Mosques and maps – a case study on the transformation of geoinformation and cartographic representation in the digital age” (mit Dr. Chris Perkins und Dr. Tim Elrick)
  • Volunteered and corporate geographic information as a challenge for the territorial nation state (mit Dr. Matthieu Noucher und Dr. Mélina Germes, beide Bordeaux; Förderung durch das Bayerisch-Französische Hochschulzentrum 2015-2016)
  • Nutzung und Potenzial von digitalen Geodaten für Stadtforschung und Raumbeobachtung (Tim Elrick und Matthias Plennert)
  • Die Rolle von software für volunteered geographic information:  eine Genealogie von OpenStreetMap aus der Perspektive der software-studies (Dissertationsprojekt Matthias Plennert, MA; in Kooperation mit Prof. Dr. Dr. Christoph Schlieder; Lehrstuhl für Kulturgeographie der Universität Bamberg)
  • Publikationsprojekt: “Kartographie und Gesellschaft. Theorien und Praktiken geographischer Repräsentationen vom Atlas zum Geoweb. UTB. Ulmer (mit Dr. Tim Elrick und Dr. Boris Michel, Vorbereitung für 2017)

gefördert durch die

Projektbeschreibung

Volunteered geographic information (VGI) d. h. die freiwillige und unbezahlte Sammlung von Geodaten im interaktiven web 2.0, wurde teilweise als Chance interpretiert, bislang marginalisierten Stimmen Zugang zur Erstellung und Verbreitung von geographischen Informationen zu eröffnen. Allerdings wurde die Vorstellung, dass im web 2.0 jede/jeder an der Herstellung von geographischen Informationen mitwirken kann, bereits früh hinterfragt und auf verschiedene soziale und sozio-technische Formen der Exklusion hingewiesen. Trotz der rasch wachsenden Bedeutung von VGI für viele gesellschaftliche Bereiche liegen aber bislang nur sehr wenige und kaum systematische empirische Studien zu diesen sozialen und sozio-technischen Hintergründen von VGI vor. Hier setzt das beantragte Forschungsprojekt an, das darauf abzielt, die Herstellung von kollaborativ erarbeiteten Geodaten zu rekonstruieren. Dabei will es Prozesse der Marginalisierung und Exklusion herausarbeiten und damit untersuchen, wie sich gesellschaftliche Ungleichheiten in VGI einschreiben und mit VGI reproduziert werden. Als Fallstudien untersuchen wir die weltweit erfolgreichsten kollaborativen Geodatenbanken OpenStreetMap (OSM) und WikiMapia, in einem regionalen Kontext, der aufgrund seiner vielfältigen gesellschaftlichen Disparitäten und politischen Konfliktlinien besonders aufschlussreich und daher empirisch fruchtbar ist: Israel/Palästina.

Projektmitarbeiter

Dipl.-Geogr. Christian BittnerProf. Dr. Georg Glasze

Publikationen, die im Kontext des Projektes erschienen sind

Ergebnisse (Auswahl)

Die bisherigen Untersuchungen haben beispielsweise gezeigt, welche Bedeutung der gesellschaftliche Kontext für die Herstellung von Geodaten hat. So korreliert die Qualität und Dichte der Geodaten von OpenStreetMap in Jersualem mit der soziodemographischen Zusammensetzung der Bevölkerung:
eher jüdisch und säkular geprägte Stadtviertel sind überdurchschnittlich gut repräsentiert (siehe Abbildung).

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gefördert durch die

Projektbeschreibung

Das DFG-Projekt „Konfigurierungen von ‚Islam‘ und ‚Muslimen‘ auf lokaler Ebene in Deutschland“ fragt danach, wann, wo und wie seit 1970 bis in die von der Flüchtlingszuwanderung geprägte Gegenwart „Islam“ und „Muslime“ auf lokaler und kommunaler Ebene sichtbar (gemacht), relevant und verhandelt wurden. Es analysiert, in welchen Handlungsfeldern und vermittels welcher Maßnahmen und Techniken „Islam“ lokal-spezifisch bearbeitet und bearbeitbar gemacht wird und welche Rolle dabei verschiedene „muslimische“ und „nicht-muslimische“ Positionalitäten spielen, die je verschiedentlich in gesellschaftliche Kräfteverhältnisse und Mechanismen eingebettet sind. Es geht dann in etwa um die Fragen, wer in welchen lokalen Kontexten auf welche Weise als, zu oder über  „Muslim(e)“ spricht und welche Formen und Praktiken der Interaktion zwischen „muslimischen“ Organisationen und Einzelpersonen, städtischer Politik und Verwaltung, anderen Religionsgemeinschaften und zivilgesellschaftlichen Akteuren relevant werden.   Mittels eines vergleichenden Ansatzes, der verschiedene kommunale Kontexte in Deutschland aufschlüsselt, sollen gerade die lokal-spezifischen Charakteristika des gesellschaftlichen und politischen Umgangs mit „Islam“ und „Muslimen“ herausgearbeitet und mit Modi der Thematisierung und Bearbeitung von „Islam“ auf anderen Maßstabsebenen (regional, national, supra-national) kontrastiert werden. Das Projekt zielt hier auf eine Forschungslücke, insofern hinsichtlich des politischen und gesellschaftlichen Umgangs mit „Islam“ und „Muslimen“ gerade die lokale und kommunale Ebene bislang eher vernachlässigt wurde.

Methodologisch konzipiert das Projekt die Vorstellung des Lokalen bzw. des Lokalräumlichen als Schnittstelle verschiedenster, je spezifisch historischer und pfadabhängiger Impulse, die die Konfigurierungen der Koexistenz unterschiedlicher Individuen und Gruppen ermöglichen und hervorbringen. Das Lokale ist dann  immer auch als ein Medium des Politischen zu denken, als Medium der Aushandlung, Normalisierung, Sedimentierung aber auch der Re-artikulation von Identitäten. Das Projekt wendet ferner verschiedene, aufeinander bezogene methodische Ansätze an. Im Zentrum stehen ethnographisch ausgerichtete „Tiefenbohrungen“ in den Städten Erlangen und Osnabrück (Kombination teilnehmender Beobachtungen, vertiefender qualitativer Interviews, Gruppeninterviews und der Auswertung lokalspezifischer Dokumente, Medienmaterialien und weiterer Texte). Zur Kontextualisierung der Fallstudien wurden zudem Telefoninterviews mit integrationspolitischen Akteuren in fast allen deutschen Großstädten durchgeführt, darüber hinaus werden Text-Korpora mit für die überlokale Ebene relevanten Dokumenten zum Umgang mit „Islam“ aufgebaut und nach Regelmäßigkeiten der Thematisierung von „Islam“ und „Muslimen“ befragt.

Projektmitarbeiter

Prof. Dr. Georg Glasze und Jan Winkler, M.A. in Erlangen sowie  Prof. Dr. Andreas Pott, Ali Konyali, M.A. und Laura Haddad, M.A. in Osnabrück

Ergebnisse (Auswahl)

Die bisherigen Untersuchungen haben beispielsweise gezeigt, dass in vielen deutschen Großstädten interreligiöse Dialoge als integrationspolitische Instrumente aufgegriffen und neu modelliert werden. Damit verknüpft wie auch im Zusammenhang mit einer allgemein „dialogischen“ Ausrichtung islambezogener Involvierungs- und Anerkennungstechniken setzen städtische Politiken verstärkt  auf die Generierung religiösen Wissens (Wissen über verschiedene Religionen und deren Praktiken, aber bisweilen auch über deren im weitesten Sinne theologische Figuren) zur Steuerung kulturell und religiös pluraler (Stadt-)Gesellschaften.


Beitrag zu einer feministischen Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen Geographie 1900-1960

Dr. habil. Boris Michel und Katharina Paulus

Das Forschungsprojekt leistet einen Beitrag zu einer feministischen Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen Geographie zwischen ihrer Etablierung als universitärer Disziplin im späten 19. Jahrhundert und den ersten Berufungen von Frauen auf Professuren. Damit wird einerseits darauf gezielt, die bislang nicht thematisierte und vielfach unsichtbar gemachte Arbeit von Frauen und ihren Beitrag zur Produktion geographischen Wissens sichtbar zu machen und damit eine heterogenere und inklusivere Geschichte des Faches zu schreiben. Andererseits werden die konzeptionellen und methodologischen Überlegungen feministischer Wissenschaftsgeschichte in diesem Projekt dazu genutzt, diese Geschichte anders zu schreiben und Impulse in das weitere Feld der Disziplingeschichte zu liefern. Damit adressiert das Projekt Desiderate sowohl im Feld der feministischen Geographie wie auch der geographischen Disziplingeschichte.

In der anglophonen Geographie begannen in den 1970er Jahren feministische Geograph_innen damit, zunächst die aktuelle Geographie einer feministischen Kritik zu unterziehen und hiermit den Ausschluss von Frauen aus der Produktion geographischen Wissens, den Ausschluss „weiblicher“ Themen aus der Forschung und die epistemologischen Grundlagen des Faches zu kritisieren. In diesem Zusammenhang wurde auch die Geschichte des Faches aus feministischer Perspektive in den Blick genommen. In zahlreichen Arbeiten wurde deutlich gemacht, wie sehr die dominante Geschichtsschreibung der Disziplin als einer Geschichte weißer Männer nicht allein Ausdruck eines faktischen Ausschlusses von Frauen von der Produktion wissenschaftlichen Wissens beruht, sondern auch auf einer Ausblendung und Unsichtbarmachung der von Frauen geleisteten Arbeit in der Disziplin. In den Fokus gerieten dabei beispielsweise bislang wenig beachtete Geographinnen innerhalb und außerhalb der Universitäten, die Rolle geographischer Verbände und Gesellschaften, der Bereich der angewandten Geographie aber auch eine feministische Perspektive auf das historisch hegemoniale geographische Wissen, wie etwa den länderkundlichen Blick.

In der deutschsprachigen Geographie hat eine solche Geschichtsschreibung bisher nicht stattgefunden. Diese Abwesenheit einer fundierten Auseinandersetzung mit Geographinnen in der Geschichte der Geographie ebenso wie feministischer Perspektiven auf die Geschichte der Produktion geographischen Wissens führt dazu, dass auch in aktuellen Lehrbüchern bis in die 1960er Jahre keine Frauen als Produzentinnen geographischen Wissens auftauchen. Geographie stellt sich damit als die Arbeit weißer Männer dar und dies, so scheint es, beginnt sich frühestens mit den ersten Berufungen von Frauen in den 1960er Jahren langsam zu ändern.

Dass diese Darstellung jedoch wenig plausibel ist, macht einerseits der Vergleich mit der erwähnten anglophonen Geographiegeschichtsschreibung deutlich und andererseits zeigt bereits ein kursorischer Blick in die Publikationslandschaft und die Archive der Geographie, dass spätestens seit den 1920er Jahren eine Vielzahl von Frauen an den unterschiedlichsten Stellen der akademischen Geographie wichtige Beiträge lieferten, sei es als Doktorandinnen, technisches Personal oder als Ehefrauen männlicher Geographen. Diese Arbeit ist aber weder systematisch dokumentiert, noch auch nur exemplarisch untersucht worden. Diese Forschungslücke für die deutschsprachige Geographie zu schließen, ist Ziel der hier formulierten Überlegungen.


Wissenschaftsgeschichte der „quantitativ-theoretischen Wende“ in der deutschsprachigen Geographie

Dr. habil. Boris Michel und Katharina Paulus

Die „quantitativ-theoretische Wende“ bezeichnet eine Phase der wissenschaftlichen Geographie, in der aus der Kritik an einer zumeist idiographischen länderkundlichen Geographie die Forderung nach einer neuen szientifischen Ausrichtung hervorging. In der Geschichtsschreibung der Geographie wird dieser Prozess unter dem Schlagwort „quantitativen Revolution“ verhandelt, auf der Ebene von Wissenschaftstheorie und wissenschaftlicher Praxis stellt er einen der wesentlichen Transformationsmomente der Disziplin dar. Im Gedächtnis der Disziplin wird die „quantitativ-theoretische Wende“ auf einige wenige Ereignisse fokussiert: den Geographentag in Kiel 1969, die Veröffentlichung von Dietrich Bartels‘ Habilitation, der Hinwendung zu kritischem Rationalismus und die Einführung der Diplomstudiengänge. Diese dominante Erzählung hält einer genaueren historischen Untersuchung nicht stand und produziert ein Narrativ zur Disziplin Geographie, das in problematischer Weise vereinfacht und geglättet ist. Mit diesem Mythos setzt sich das Forschungsprojekt kritisch auseinander und sieht sich als Teil einer fundierteren und umfassenderen historiographischen Aufarbeitung.

Ausgehend von Ansätzen in der Wissenschaftsgeschichte von Shapin, Rheinberger und Daston und den bereits abgeschlossenen Projekten von Barnes und Hannah zur anglophonen Geographie, soll nicht allein eine ideengeschichtliche Perspektive entworfen werden, sondern Wissenschaft als soziale, verkörperte, materielle und lokalisierte Praxis begriffen werden. Hierfür wählt das Projekt einen doppelten Zugriff auf seinen Gegenstand.

1) Einerseits in Form einer historischen Netzwerkanalyse, welche systematisch und auf die Breite gerichtet das Feld der deutschsprachigen Geographie der 1950er bis 1970er Jahre untersucht. Die Historische Netzwerkanalyse bietet, als ein exploratives Verfahren zur Beschreibung von Relationen und Interaktionen in Netzwerken aus Personen, Institutionen und Wissen die Möglichkeit, ex post formulierte und produzierte Erzählungen über zentrale Akteure und Ereignisse zu destabilisieren.

2) Ausgehend hiervon wird in Form einer lokalen und ortsbezogenen Perspektive deutlich zu machen sein, dass jenseits der dominanten Erzählung eines einheitlichen Paradigmas dieser neuen Geographie eine Reihe lokaler „quantitativer Revolutionen“ stattgefunden haben, die eigenständige Verständnisse produziert haben. Diese lokalen Realisierungen eines quantitativ-theoretischen Denkens und quantitativ-theoretischer Epistemologien in der Geographie haben eine divergentere vielfältigere Praxis hervorgebracht, als dies in den konzeptionellen Begründungstexten expliziert wurde.

Das Forschungsvorhaben zielt darauf, die Geschichte der „quantitativ-theoretischen Wende“ in der Geographie als einen komplexen, heterogenen und widersprüchlichen Prozess zu beschreiben. Eine historiographische Auseinandersetzung mit der „quantitativ-theoretischen Wende“ ist sowohl aus einem disziplinhistorische Interesse (im Sinne der Notwendigkeit eines adäquaten Verständnisses der Historizität der eigenen Theorien und Konzepte) als auch aus aktuellen Problemen heraus (die sich im Rahmen einer neuen quantitativen Wende und Big Data abzeichnen) dringlich geboten.


Regime der Visualität Eine Wissenschaftsgeschichte des geographischen Blicks 1880 – 1970

Dr. habil. Boris Michel

Während die Auseinandersetzung mit der Bildlichkeit der modernen Wissenschaften und der Rolle von Visualisierung in deren Erkenntnisprozess zu den großen Themen der kultur- und geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsgeschichtsforschung und science studies gehört, wird sich diesen Fragen den so erforschten Disziplinen selbst kaum gewidmet. Die Geographie als eine empirische Wissenschaft im Schnittfeld zwischen natur- und sozial- und kulturwissenschaftlichen Wissenschaftskulturen, bietet sich gleichwohl gut dazu an, diese Reflexion der eigenen Disziplin und ihrer Paradigmen zu leisten. Gleichwohl spielen Disziplingeschichte und eine Geschichtsschreibung disziplinärer Rationalitäten und Erkenntnismodelle innerhalb der deutschsprachigen Geographie eine marginale Rolle.

Zugleich gehört es zu den Allgemeinplätzen disziplinärer Selbstbeschreibung, die Geographie als eine „visuelle Wissenschaft“ zu verorten, als eine Wissenschaft für deren Erkenntnisproduktion Visualisierung einen großen Raum einnimmt. Das Forschungsprojekt zielt damit auf die Visualität geographischen Wissens und Fragen nach dem spezifischen Visualitätsregime der Geographie. Visualitätsregime werden dabei verstanden als historisch und sozial spezifische und geregelte Formen der visuellen Wahrnehmung und Beobachtung. Diese sozial hergestellten und zugleich naturalisierten Ordnungen des Sehens sind machtvolle Instrumente der Stützung bestehender Wissenssregime. Eine systematische oder auch nur umfangreichere Beschäftigung mit geographischen Formen des Sehens und den Funktionen der Visualität, ist bisher nur rudimentär unternommen worden.

Zur Annäherung an geographische Visualitätsregime wird angestrebt, sich einer historischen Perspektive zu bedienen, die sich die Anregungen der Science Studies und Wissenschaftsgeschichte zu Nutze macht um eine Genealogie des Geographischen Blicks zu unternehmen. Hierfür sollen Fallstudien in Form von Sondierungen zu Momenten im 20. Jahrhundert unternommen werden, an denen sich Transformationen geographischer Visualisierungsweisen in besonders deutlicher Weise zeigen. In den Blick genommen werden die Durchsetzung photogrammetrischer Verfahren in der Geographie der 1930er und 1940er Jahre, Diskussionen um die Anwendbarkeit extraterrestrischer Verfahren der Fernerkundung seit den 1960er Jahren sowie die Visualität früher Formen digitaler Kartographie und Geographischer Informationssysteme (GIS) seit der Mitte der 1970er Jahren.

Interdisziplinäre Vernetzung an der FAU Erlangen-Nürnberg

Prof. Dr. Georg Glasze

  • Tätigkeit: Ordinarius
  • Adresse:
    Wetterkreuz 15
    Raum 03.183
    91058 Erlangen
  • Telefonnummer: +49 9131 85-22012
  • E-Mail: georg.glasze@fau.de
  • Sprechstunde:
    Im Herbst/Winter 18/19 bin ich im Forschungssemester - Sprechstunden (bspw. für Abschlussarbeiten) nach persönlicher Vereinbarung.